Forschungsprojekt Interaktive Bildplatte (1987)

(Pressetext von Carl-Ludwig Rettinger, 1987)

„Das Zeitalter der Neuen Medien ist ausgerufen, doch nüchtern betrachtet erscheinen die zahlreichen Satelliten- und Kabelkanäle wie die sprichwörtlichen neuen Schläuche, durch die immer noch der alte Wein gepumpt wird. Bei aller ökonomischen und politischen Veränderung der Medienlandschaft Europas sind die Programme wohl die alten geblieben. Vor Allem Spielfilme füllen die Hauptsendezeiten öffentlich –rechtlicher wie privater Sendeanstalten und nicht zuletzt auch die Regale der Videotheken.

Öffentliche wie industrielle Forschungsvorhaben gelten fast ausschließlich der technischen Weiterentwicklung der Hardware. Notwendigerweise sollte damit die Innovation des Programmangebots einhergehen. Doch bislang jedenfalls entpuppte sich die oft beschworene Programmvielfalt als die Einfalt des Immergleichen.

Wie kurzfristig diese Strategie angelegt ist, mag die Einführung der Laser-Bildplatte verdeutlichen. Trotz herausragender technischer features spielt sie auf dem Medienmarkt immer noch eine untergeordnete Rolle, gerade weil ein spezifisch darauf zugeschnittenes Programmangebot fehlt.

Als Speichermedium für Filme hat die Bildplatte gegenüber der Videokassette oberflächlich betrachtet nur geringe Vorteile. Die kurzen Zugriffszeiten des Lasers jedoch ermöglichen eine völlig neue Mediennutzung. Über eine Computersteuerung können die Zuschauer in die gespeicherte Filmhandlung direkt eingreifen. Anstelle eines vorgegebenen Filmablaufs tritt ein offen strukturiertes Programmangebot, aus dem der Zuschauer – besser gesagt der „Mitspieler“ – seinen eigenen Film (in Realzeit) montieren kann.

Die dramaturgischen und ästhetischen Möglichkeiten dieses tatsächlich „neuen Mediums“ sind bislang weitgehend ungenutzt. Allenfalls Videospiele bilden dazu eine recht plumpe Vorform. Vergleichbar den Nickelodeons als Vorläufer der späteren Kinos sind die Videoarcades erst das Vorspiel einer völlig neuen Medienentwicklung.

Im industriellen Bereich der Weiterbildung und des Marketings beispielsweise, spielt die interaktive Bildplatte eine immer wichtigere Rolle. In den USA werden bereits in zahlreichen Museen interaktive Videoinstallationen ausgestellt,  die diese Medien künstlerisch, kreativ benutzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Hardwarekosten soweit sinken, daß interaktive Bildplatten auch in den Homemarket vordringen. Nicht zuletzt die Breitbandverkabelung wird interaktiven Bild-Ton-Systemen eine vielfältige Anwendung ermöglichen. Die Programme dafür müssen jedoch erst neu entwickelt werden.

Für Film- und Videoautoren bieten interaktive Filme völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten. Umgekehrt sind sie es, die dem neuen Medium visuelle Ausdruckskraft und dramaturgische Spannung verleihen können. Seit 1986 arbeitet eine Gruppe von Studenten und Dozenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin an einem Forschungsprojekt zur Dramaturgie interaktiver Filme, mit dem Ziel filmische Stilmittel für die interaktive Mediennutzung zu entwickeln.

Inzwischen sind zwei Produktionen fertiggestellt[1], die Elemente des Spielfilms, Videoclips und Videospiels auf Bildplatte vereinen. Obgleich beide Filme eine narrative Grundstruktur besitzen, verfügt der Zuschauer über zahlreiche Eingriffsmöglichkeiten, die die Abfolge und die Gestaltung der angebotenen Filmszenen entscheidend beeinflussen.“

Besonderes Augenmerk gilt dabei der dramaturgischen Balance zwischen filmischen Spannungselementen und spielerischen Zugriffsmöglichkeiten. Auch die Identifikation des Zuschauers mit den Protagonisten der Filmhandlung stellt sich bei interaktiven Systemen völlig neu, ist doch der Zuschauer zugleich Mitspieler und Coregisseur.

Mit einer frei beweglichen Maussteuerung kann der Zuschauer die Hauptfiguren durch das Labyrinth der angebotenen Räume und Szenen leiten, um spielerische Aufgaben zu bewältigen, Konfrontationen herbeizuführen oder zu verhindern, Handlungsstränge zu verzweigen oder zu überspringen.

Sicherlich bietet ein solches interaktives System zwischen Filmhandlung und Zuschauer auch die Möglichkeit, völlig offenen Zeit-Raum-Strukturen anzubieten, durch die sich der Spieler frei bewegen kann. Uns erschien es reizvoller, der Handlung ein Ziel vorzugeben, das der Zuschauer erst durch besondere Aufmerksamkeit, Geschick und Phantasie erreichen kann. Erst in mehreren Durchläufen, die je nach Maßgabe des Spielers immer wieder neu variieren, lassen sich die vorgegebene Bilderrätsel lösen. Aber auch danach ist es für den Zuschauer reizvoll, die zahlreichen Varianten und Verzweigungen des Programms zu durchforschen.

Als erster Schritt in Richtung interaktiver Spielfilm bieten diese beiden Prototypen auch für andere Interessenten und Anwender interaktiver Systeme zahlreiche Anregungen.“

[1] TERRA Z von Ilka Lauchstädt und MUTABOR III von Friederike Anders

Über mrsjoysuch

I had my face changed into something completely different when I was young. Today, I´ve become an expert in authenticity. I´m a researcher of dead malls. I specialize in strange encounters with lookalikes and former selfs. I´m also an experienced timetraveller.
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Eine Antwort zu Forschungsprojekt Interaktive Bildplatte (1987)

  1. mrsjoysuch schreibt:

    Das Videolabyrinth ist nie auf Laserbildplatte gepreßt worden, sondern lief nur als „Prototyp“ mit ansteuerbarem Videorekorder. Zu dem Zeitpunkt, als dieser Pressetext verfaßt wurde, hatte das Medium interaktive Bildplatte seinen Zenith schon überschritten – der war eigentlich schon 1977 erreicht, als Jimmy Carter und Kurt Waldheim eine goldene Scheibe mit Nachrichten an die Zukunft mit der „Voyager“ ins All schossen – in der Annahme, daß die Aliens über Laserbildplattenspieler verfügen würden.
    http://www.orbit.zkm.de/?q=node/255

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