Das Europäische Film- und Fernsehjahr 1988, das Königreich Moldawien, und die Entstehung des VIDEOLABYRINTH

MOLDAVIA, ein Ort aus dem Denver Clan

Alexis Carrington mit Michael, Prinz von Moldawien

1988: Die US-Fernsehserien „Dallas“ und „Denver-Clan“ standen im Zenit ihrer Beliebtheit und wurden wöchentlich im ersten Programm des deutschen Fernsehens gesendet und von aufstrebenden jungen Kulturkritikern ernsthaft analysiertDie Wende war noch vollkommen unvorhersehbar, Moldawien ein fiktives Königreich aus dem Denver-Clan, und statt vom Internet sprach man von „telematischen Netzen“, die es in Zukunft bald geben würde…

Trotzdem war in dieser grauen Vorzeit der Neuen Medien schon alle Welt bis hin zum Bundes-Innenminister Hans-Dietrich Genscher davon überzeugt, daß in den kommenden Jahren  „audiovisuelle“ bzw „neue“ Medien eine hervorragende Rolle für das „Zusammenwachsen Europas“ und für die Erschließung neuer Märkte spielen sollten. Populäre postmoderne Philosophen begleiteten die unaufhaltsame kapitalistische Medienrevolution mit teils spekulativen, meist affirmativen Theorien der Geschwindigkeit und des Verschwindens.

Brosch_Vfilmf88_dffb_LOGO_Ausschn_korr KopieNur an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin | dffb (die sich noch bis in die 70er Jahre hinein Dziga Vertov Akademie genannt hatte) wollte man dem häßlichen, postmodernen Medien-Schnickschnack widerstehen,  und betrachtete jede freiwillige Arbeit mit dem – als Überwachungs- und Kontrollinstrument beargwöhnten – Computer mit großer Skepsis.

Man warf uns Teilnehmern des Seminars über INTERAKTIVE DRAMATURGIEN sogar vor, durch unsere computergesteuerten Videoaktivitäten fahrlässig Ronald Reagans „Krieg der Sterne“ genanntem Rüstungsprogramm SDI  zuzuarbeiten…

Währenddessen wurde das „Europäische Film- und Fernsehjahr“ ausgerufen, und schüttete ein Füllhorn von Fördermitteln aus: Überall konnten sich „Medienkunst“-Festivals neu gründen oder vergrößern.

So mauserte sich z.B. das ehemalige Videoprogramm des Forums des jungen Films/ Berlinale zu einem eigenständigen Festival, dem ersten „VideoFilmFest`88(heute: transmediale). In Osnabrück wurde wenige Monate später aus dem heimelig WG-mäßigen „Osnabrücker Experimentalfilmworkshop“ das internationale European Media Arts Festival; und Hans-Dietrich Genscher schrieb das Geleitwort.

Das VIDEOLABYRINTH war auf beiden Festivals eingeladen und lernte – besonders in Osnabrück – erstmals auch seine Verwandten und Vorläufer kennen:

Abbildung aus dem Katalog des ersten European Media Art festival (EMAF) in Osnabrück, 1988

Abbildung von Lynn Hershman´s LORNA, aus dem Katalog des ersten European Media Art festival (EMAF) in Osnabrück, 1988

In Osnabrück vertreten war z.B. auch Lynn Hershman´s großartige LORNA, die in den U.S.A. schon 1984 vorgestellt worden war. LORNA lief auf einer Laserbildplatte mit Multimedia-Fernbedienung – damals das teure Non-Plus-Ultra für sofortigen „nonlinearen“ Videozugriff, und unser unerreichter Traum…

Über mrsjoysuch

I had my face changed into something completely different when I was young. Today, I´ve become an expert in authenticity. I´m a researcher of dead malls. I specialize in strange encounters with lookalikes and former selfs. I´m also an experienced timetraveller.
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