„Befreiung der Phantasie“ ? – Einflüsse und Inspirationen des VIDEOLABYRINTH

Wonder Woman

Die Sekretärin Diana Prince befreit ihre Phantasie:  „Wonder Woman“ von Dara Birnbaum, 1978

 

Katalog des European Media Art Festival (EMAF) - Osnabrück, 1. - 11.9.`88
Katalog des European Media Art Festival (EMAF) – Osnabrück, 1. – 11.9.`88

„Die interaktiven Medien und die Befreiung der Phantasie“ : Der Einleitungstext von Ilka Lauchstädt und Martin Potthoff zum Symposium INTERAKTIVE MEDIEN auf dem ersten European Media Art Festival EMAF 1988 rief mit ungetrübtem Optimismus Themen auf, die damals in aller Munde waren. Auch Gábor Bódy hatte sie 1985 an der dffb * vertreten, und uns damit zu Beginn unseres Studiums stark inspiriert.

Ilka und Martin sahen sich auf der Spur vermeintlich  „natürlicher“ Befreiungspotentiale interaktiver Medien: Die Vorstellung, daß die neuen Technologien erstens unaufhaltsam und zweitens Träger unvermutet positiver Eigenschaften seien, half ihnen dabei, eine „natürliche“ Deutungshoheit für sich abzuleiten und beliebige emanzipatorische Lieblingsideen als unabwendbar zu postulieren. Dabei brauchte man sich nur den hoch im Kurs stehenden „Techno-Philosophen“ anzuschließen, die  sich von den entstehenden „telematischen Netzen“ nur das Beste erwarteten.

Neben  Paul Virilio und Jean Baudrillard waren das der (Co-)Erfinder des  „Expanded Cinema“- Begriffes, Gene Youngblood,  der Techno-Esoteriker Roy Ascott, und Jean-Francois Lyotard, die schon 1984 bei der Ars Electronica in Linz und 1985 auf der Ausstellung „Les Immatériaux“ im Centre Pompidou in Paris die künstlerischen Anwendung flüchtiger und immersiver Medien mit großer Resonanz propagiert hatten.

Vor dem Hintergrund dieses professoralen Techno-Optimismus gab es in der künstlerischen Praxis gleichzeitig aber skeptische und ironische Positionen, für die „Befreiung“ keineswegs technikbedingt oder automatisch zu erwarten war, und die die neuen Medien benutzten, um dieser Skepsis Ausdruck zu verleihen.

Eine wichtige, wenn auch indirekte Inspiration für das VIDEOLABYRINTH war in dieser Hinsicht die Arbeit der kalifornischen Videokünstlerin Lynn Hershman, deren interaktive Heldin LORNA dem homeshopping verfallen war und die daher nicht mehr das Haus verließ  – nur die Zuschauer/User konnten ihr helfen, indem sie multiple choice Fragen beantworteten.

Say Hello to Lorna, our Star: Interface LORNA, von Lynn Hershman 1979 - 1983

Say Hello to Lorna, our Star: Interface LORNA, von Lynn Hershman 1979 – 1983

Interface / Reaction screen LORNA - von Lynn Hershman, 1979 - 1983

Interface / Reaction screen LORNA – von Lynn Hershman, 1979 – 1983

Hershman´s nonlineares Portrait einer neurotischen Durchschnittsamerikanerin war schon seit 1984 flüssig und elegant von einer Laserbildplatte zu bedienen, und Lorna konnte mittels einer detektivischen Ausforschung ihrer Wohnung psycho-analysiert und schließlich sogar aus ihrer klaustrophoben Welt befreit werden.

Unser Dozent Carl-Ludwig Rettinger hatte uns während des Seminars „interaktive Dramaturgien“ (1986-1987 an der dffb) begeistert von LORNA erzählt, und eine Laserbildplatte sollte auch für das VIDEOLABYRINTH das Vorführmedium werden. Aber da die Laserdisc als Unterhaltungs- oder Künstler-Medium in Deutschland – anders als in den USA und in Japan – nie Fuß gefaßt hatte, und ab 1988 auch nicht mehr weiterentwickelt wurde, stand uns kein Laserbildplattensystem bei der Entwicklung zur Verfügung. So konnten wir uns nicht an interaktiven Beispielkunstwerken orientieren und LORNA nie spielen, und unsere Dozenten Rettinger und Potthoff  fanden für die teure Endfertigung unserer drei Spiel-Filme keine Sponsoren mehr.

Zum Glück waren wir damals aber ohnehin wenig interessiert an kleinlichen Vermarktungsgedanken, denn uns schwebte eine großangelegte anarchistische Umkehrung aller Erzähldoktrinen vor. Wir stellten unsere surrealen multiple-choice-Plot-Twists also unverdrossen als Szenenenkataloge auf Umatic Highband Mastertapes fertig, kopierten diese auf kleine Video8-Kassetten, und reisten mit unserem IBM-PC, einer Floppydisc mit dem Programm und einem ansteuerbaren Video8-Player zum Europäischen Medienkunstfestival nach Osnabrück.

Im Nachbarraum zu unserer – selbstgebastelt und improvisiert wirkenden – Installation sahen wir dann auch zum ersten Mal LORNA (sie hatte beim EMAF `88 Deutschlandpremiere) – perfekt von Laserbildplatte punktgenau ansteuerbar – und staunten über die verblüffende thematische und strukturelle Nähe unserer Arbeiten.

Der medienkünstlerische Ansatz, Mainstream-Medieninhalte und -Figuren mithilfe von Zitat, Kollage und Wiederholung zu dekonstruieren und dabei auch neuestmögliche Medien einzusetzen, hatte uns aber schon seit Beginn unseres Studiums an der dffb geprägt – was uns den Argwohn von Mitstudenten und Studienleitung einbrachte, die unsere scheinbar vorbehaltslose Video- und Computeraffinität haltlos und das Verwenden von Trivial- und Popzitaten filmakademieunwürdig fanden.

Maßgeblicher Einfluß  waren dabei für uns – neben den mit found footage,  found heroes und ziemlich viel Popmusik arbeitenden Videos unserer älteren dffb-Mitstudenten Christoph Dreher und Gusztáv Hámos Commercial (1981), Der Unbesiegbare, (1984/ 85) vor Allem feministische Performance- und Videoarbeiten aus den U.S.A.  –

wie zB. Dara Birnbaum´s Wonder Woman (1978),

oder Martha Roslers Semiotics of the Kitchen (1975)

Siehe auch:

DIE ANKUNFT DER „NEUEN MEDIEN“ IN DER DFFB

von Friederike Anders

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Über mrsjoysuch

I had my face changed into something completely different when I was young. Today, I´ve become an expert in authenticity. I´m a researcher of dead malls. I specialize in strange encounters with lookalikes and former selfs. I´m also an experienced timetraveller.
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